Therapie der Akromegalie
Diese Darstellung ist für Laien bestimmt, kann aber in keinem Fall das Gespräch mit dem Arzt ersetzen. Nur dieser kann alle Einzelheiten des jeweils persönlichen Falles beurteilen, entsprechend weitere individuelle Aufklärung geben und gebotene diagnostische und ggf. therapeutische Maßnahmen einleiten. Die hier gegebenen Informationen entsprechen dem Wissensstand bei der letzten Bearbeitung der Website. Durch neue Erkenntnisse können sich Teile hiervon oder die gesamte Darstellung als veraltet herausstellen.
Allgemeine Information
von Prof. Dr. Christof Schöfl & Prof. Dr. Hans-Jürgen Quabbe
Therapieziel ist eine Normalisierung der GH-Überproduktion und der IGF-1 Spiegel bei gleichzeitiger Erhaltung der Hypophysenfunktionen und Kontrolle des Tumorwachstums. Dadurch gelingt es die Begleiterkrank-ungen zu bessern und die Lebenserwartung zu normalisieren.
Therapie der Wahl ist die transsphenoidale Hypophysen-Operation mit dem Ziel einer kompletten Tumorentfernung und damit Heilung der Erkrankung. Während früher versucht wurde, den Hypophysentumor von oben durch die Schädeldecke (sog. transkranieller Zugangsweg) zu entfernen, wird heute die Operation mit modernen Methoden von unten her durch die Nase (transnasal) oder durch den Sinus sphenoidalis (transsphenoidal, der Sinus sphenoidalis ist ein luftgefüllter Knochenraum zwischen Nase und Schädelbasis) viel schonender durchgeführt.
Nur bei sehr großen Tumoren ist in Ausnahmefällen noch eine transkranielle Operation erforderlich. Die Operation sollte prinzipiell von einem entsprechend in der Hypophysenchirurgie erfahrenen Neurochirurgen durchgeführt werden.
Ist eine Operation nicht möglich oder gelingt es nicht, die Erkrankung durch eine Operation zu kontrollieren, ist eine medikamentöse Therapie in der Regel die Behandlung der Wahl. Derzeit zugelassen zur Therapie sind Dopaminagonisten, Somatostatinanaloga wie Octreotid oder Lanreotid sowie der GH-Rezeptorantagonist Pegvisomant. Ein neues Somatostatinanalogon mit erweitertem Wirkspektrum (Pasireotid) befindet sich momentan in der klinischen Entwicklung ebenso wie das oral einzunehmende Somatostatinanalogon Octreolin.
Die Strahlentherapie ist eine weitere Behandlungsoption und gilt momentan als Drittlinientherapie. Grund hierfür ist der Verdacht, dass gesundes Gehirngewebe zu sehr geschädigt werden könnte. Außerdem wirkt eine Bestrahlung nur sehr langsam, so dass zur Überbrückung bis zum vollen Wirkungseintritt meist über Jahre hinaus eine medikamentöse Therapie durchgeführt werden muss. Sie trägt ein großes Risiko, evtl. noch erhaltene andere Funktionen der Hypophyse langfristig zu schädigen. Wurde bisher eine Strahlentherapie meist als sog. „konventionelle“ Röntgen-Bestrahlung durchgeführt, so erfolgt die Therapie heute oft als sog. „stereotaktische“ Bestrahlung, die besser auf den Tumor fokussiert werden kann. Einzelheiten hierzu werden im Kapitel Strahlentherapie erläutert. Inwieweit die modernen strahlentherapeutischen Verfahren effektiver sind und zu weniger Nebenwirkungen führen ist momentan noch nicht abschließend zu beantworten.
Operative Therapie
von Prof. Dr. Michael Buchfelder & Prof. Dr. Jürgen Honegger
Die Indikation zur Operation eines Hypophysen-Adenoms wird üblicherweise beim Vorliegen eines Chiasma-Syndroms, einer Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz oder eines Hormonexzesses gestellt, es sei denn es handelt sich um ein Prolaktinom (Prolaktin-sezernierendes Hypophysen-Adenom). Die Akromegalie wird durch ein hormonaktives Hypophysenadenom mit vermehrter und autonomer Sekretion von Wachstumshormon [GH]) verursacht. Die unbehandelte Akromegalie führt auf lange Sicht zu Symptomen und Begleiterkrankungen, die die Lebensqualität beeinträchtigen und die Sterblichkeit im Vergleich zur Normalbevölkerung erhöhen. Deshalb besteht in der Regel hier eine Operationsindikation, sofern der Allgemeinzustand des Patienten einen operativen Eingriff zulässt, insbesondere wenn die Chance einer radikalen Tumorentfernung besteht.
Heute werden im Wesentlichen 2 operative Verfahren verwendet, über die die Mehrzahl der Hypophysenadenome vollständig entfernt werden kann. Dies ist einmal die Operation über einen transsphenoidalen Zugangsweg und andererseits die Operation über einen transkraniellen Zugangsweg. Die Mortalität bei derartigen Eingriffen liegt in größeren aktuellen Serien mikrochirurgisch erfahrener Operateure deutlich unter 0,5%. Schwerwiegende Komplikationen wie Meningitis (Hirnhautentzündung), Liquorfistel (Austritt von Hirnwasser) und Nachblutung werden jeweils in weniger als 1 % der Fälle angegeben. Verletzungen der großen Hirnversorgenden Arterien und die Entwicklung eines permanenten Diabetes insipidus (stark erhöhte Trinkmenge und Urinmenge durch Ausfall des antidiuretischen [die Wasser-Ausscheidung hemmenden] Hormons) oder einer substitutionsbedürftigen kompletten Hypophysenvorderlappen-Insuffizienz gehören zu den absoluten Raritäten.
Der transsphenoidale (transnasale) Zugangsweg ist das vorwiegend verwendete operative Verfahren und kann bei über 95% der Patienten mit Akromegalie durchgeführt werden. Die transnasale Operation wird heute über einen sehr kleinen und Gewebe-schonenden Zugang durchgeführt. Dabei können mehrerlei Varianten durchgeführt werden. Heute verzichtet man meist auf die herkömmliche aufwändige Präparation des Nasenseptums und bringt den Schleimhautschnitt erst in der Tiefe der Nase am Übergang zur Keilbeinhöhle an. Bei dieser minimal-invasiven Variante haben die Patienten postoperativ in der Regel sehr wenige Beschwerden von Seiten des nasalen Zuganges.
Die transsphenoidale Operation bietet sich für alle intraselläre Tumoren an. Hypophysenadenome dehnen sich typischerweise aber auch nach extrasellär aus, wobei häufig eine supraselläre Wachstumsrichtung ins Schädelinnere (mit oder ohne Chiasmakompression) vorliegt. Die transnasale Operation ist geeignet für Adenome, bei denen eine breite Verbindung zwischen dem intrasellären und dem extrasellären Anteil besteht.
Das Prinzip der Operation geht auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, wenngleich ein Durchbruch der Methode und deren allgemeine Akzeptanz erst mit der Einführung der mikrochirurgischen Operationstechnik in den 70er Jahren gelang. Mit entsprechender Erfahrung kann man das weichere und farblich unterschiedliche Gewebe des Hypophysen-Adenoms von der gelblicheren und festeren normalen Hypophyse, die eine typische Vaskularisierungs-Struktur (Blutversorgung) aufweist, unterscheiden und den Tumor dadurch selektiv entfernen. Bei vollständiger Adenom-Entfernung kommt es auch innerhalb weniger Stunden zur Korrektur der erhöhten GH-Sekretion. Durch die selektive Operationstechnik kann die Funktion der Hypophyse in aller Regel erhalten werden.
Das Hypophysen-Adenom kann als einziger gutartiger endokriner Tumor invasiv (infiltrativ) in die umgebenden anatomischen Strukturen einwachsen. Etwa 1/3 der Hypophysenadenome bei Akromegalie weisen ein invasives Wachstumsverhalten auf. Durch die ausgeklügelte und stetig weiterentwickelte Operationstechnik ist es auch möglich, invasiv wachsende Tumoren radikal zu entfernen, z. B. durch Abfräsen infiltrierter Knochenanteile aus dem Clivus (hinterer Teil der Sella turcica) oder Eröffnen der medialen (inneren) Wand des Sinus cavernosus im Falle eines parasellären invasiven Wachstums.
Für eine vollständige Remission der Akromegalie müssen heute folgende endokrinologische Kriterien erfüllt werden:
- Ein postoperativer basaler Wachstumshormon-Spiegel <2,5 ng/ml
- Suppression von Wachstumshormon unter 1 ng/ml im oralen Glucose-Toleranztest
- Normalisierung des Alter- und Geschlechts- spezifischen IGF-1 Spiegels
Bei Erfüllen dieser Kriterien ist der operative Eingriff in aller Regel kurativ. Dennoch sind lebenslange Nachbeobachtungen erforderlich, um eventuelle Rezidive frühzeitig zu erkennen.
In der Literatur werden Normalisierungen der Wachstumshormone bei etwa 60-100% der Mikroadenome (<10 mm) und 20-70% der Makroadenome (>10 mm) bei Akromegalie angegeben, wobei die Ergebnisse natürlich von der Erfahrung des Operateurs und der Auswahl der Patienten abhängen. Die Remissionsraten sind reduziert bei Adenomen mit invasivem Wachstumsverhalten und bei sehr hohen präoperativen Wachstumshormon-Spiegeln (Nomikos et al 2005). Die Auswertung des Deutschen Akromegalie-Registers ergab eine langfristige Remissionsrate bei 38,8% der Patienten durch die Operation alleine. In Zentren mit großer Erfahrung in der Hypophysenchirurgie lag die Remissionsrate bei 49,8% (Schöfl et al 2013).
Eine neue technische Entwicklung ist die intraoperative Resektionskontrolle mit dem Kernspintomogramm insbesondere bei großen suprasellären Tumoren. Beim Nachweis von Resttumor mit diesem Verfahren kann gezielt weiter operiert werden. Dadurch kann in einer Reihe von Fällen eine noch radikalere Tumorentfernung durchgeführt werden und dem Patienten eventuell eine zweite Operation erspart werden.
Mit dem Endoskop werden Einblicke auch in die seitlichen Bereiche der Keilbeinhöhle und gar in den Sinus cavernosus, aber auch nach suprasellär möglich. Deshalb verwenden heute viele Neurochirurgen das Endoskop als ergänzende Sichthilfe bei der mikrochirurgischen Operation. Die rein endoskopische Technik bedarf aber noch einer Evaluation im Hinblick auf endokrinologische Operationsergebnisse bei Hormon-sezernierenden Tumoren.
Die Neuronavigation (Technik bei der während der Operation die Lage der Instrumente in ein vorher gewonnenes Kernspinn-Bild eingeblendet werden kann) bietet sich auch bei Schädelbasistumoren als Alternative zur Durchleuchtung mit dem Bildwandler an und ist besonders bei anatomischen Varianten, Re-Operationen und aus anderen Gründen unübersichtlichen Verhältnissen außerordentlich hilfreich.
Medikamentöse Therapie
von Dr. Cornelia Jaursch-Hancke
Verschiedene Medikamente können die Ausschüttung von Wachstumshormon (GH) unterdrücken und oft sogar das Hypophysenadenom verkleinern. In der Regel kommen Medikamente aber nur in Frage, wenn durch eine Operation keine Normalisierung der Wachstumshormon-Werte erreicht werden kann. Die Strahlentherapie wird in den letzten Jahren immer seltener angewandt.
Eine primäre medikamentöse Therapie ist in besonderen Fällen gerechtfertigt: hohes Alter des Patienten, schlechter Allgemeinzustand, geringe Wahrscheinlichkeit einer Heilung durch eine Operation und insgesamt hohes chirurgisches und anästhetisches Risiko.
Kriterien, an denen die Wirksamkeit der Medikamente gemessen werden muss sind eine Senkung der Konzentration des Wachstumshormons unter 2,5 µg/L (Mittelwert mehrerer Einzelbestimmungen) und eine Normalisierung der IGF-I Konzentration (die Normalwerte des IGF-I sind alters- und geschlechtsabhängig). Werden diese Grenzen erreicht, so hat ein Patient nach heutigen Erkenntnissen eine normale Lebenserwartung. Von einer Heilung wird allerdings erst ausgegangen, wenn die GH-Konzentration in einem Glukosebelastungstest unter 0,5 µg/L supprimiert wird und gleichzeitig die IGF-I Konzentration im alters- und geschlechts-spezifischen Normbereich ist. Dies ist jedoch ein Kriterium, das nur nach einer Operation angewendet werden kann.
Welche Medikamente können bei der Akromegalie eingesetzt werden?
Dopamin-Agonisten
Sogenannte Dopamin-Agonisten wurden als erste Medikamente zur Hemmung der Sekretion des Wachstumshormons bei der Akromegalie eingesetzt. Sie führen bei etwa 30-40 % der Patienten zu einer deutlichen Senkung der GH-Konzentration und des IGF-I. Jedoch wird nur bei etwa 15-20% eine Suppression des Hormons auf Werte unter 2,5 µg/L und eine Normalisierung des IGF-I auf einen altersentsprechenden Normwert erreicht. Heute kommt meist Cabergoline zur Anwendung.
Somatostatin-Analoga
Bei den Somatostatin-Analoga (Octreotide, Lanreotide) handelt es sich um synthetische Analogpräparate des körpereigenen Somatostatins. Somatostatin hemmt auch beim Gesunden die Ausschüttung von Wachstumshormon. Somatostatin-Analoga werden heute als Depot-Präparate benutzt, die nur einmal pro Monat gegeben werden. Sie müssen je nach Präparat intramuskulär oder tief subkutan (unter die Haut) injiziert werden. Diese Medikamente bewirken zusätzlich meist eine deutliche Reduktion des Tumorvolumens. Somatostatin-Analoga und Dopamin-Agonisten können auch kombiniert werden. Die Therapie mit Somatostatin-Analoga führt bei bis zu 80-95% der Patienten zu einer Hemmung der Ausschüttung von Wachstumshormon. Bei 55% der Patienten wird eine Senkung des Wachstumshormons unter 2,5 µg/L erreicht. Kopfschmerzen und Weichteilschwellung bessern sich meist sehr schnell. Anfangs treten nicht selten Magen-Darm-Probleme (Blähungen, Durchfall) auf, die aber im Allgemeinen nach kurzer Zeit verschwinden. Auf die Möglichkeit der Entstehung von Gallensteinen und die Entwicklung eines Vitamin-B12-Mangels muss geachtet werden.
Pegvisomant
Diese Substanz bindet an die auf der Zelloberfläche vorhandenen Rezeptoren für Wachstumshormon und blockiert damit kompetitiv die Bindung des körpereigenen Hormons. Die Konzentration des Wachstumshormons im Blut bleibt weiter hoch oder steigt sogar an. Es kann aber keine Wirkung mehr entfalten und die schädlichen Folgen des Hormon-Exzesses werden damit verhindert. Eine Normalisierung des IGF-I Konzentration wird bei 80 bis 95% der Patienten erreicht. In seltenen Fällen kann ein Somatostatin-Analogon mit Pegvisomant kombiniert werden, eine allerdings sehr teure Therapieform. Da Pegvisomant das Wachstum des Hypophysen-Adenoms nicht hemmt, sind regelmäßige Untersuchungen mittels Kernspintomographie erforderlich. Unter der Therapie mit Pegvisomant müssen die sog. „Leberwerte“ im Blut überwacht werden, da es zu einem Anstieg kommen kann.
Strahlentherapie
von Prof. Dr. Jürgen Voges
Wann wird bestrahlt?
Eine Bestrahlung wird immer dann in Betracht gezogen, wenn eine chirurgische Entfernung von Tumorgewebe entweder technisch nicht möglich ist, oder der operative Eingriff ein für den Patienten sehr hohes Risiko bedeutet. Zuvor sollte auch ein Endokrinologe prüfen, ob die Erkrankung nicht ausschließlich medikamentös zu behandeln ist.
Typische Gründe für eine Strahlenbehandlung sind:
- Durch die Operation war der Tumor nicht vollständig zu entfernen.
- Die Laborkontrolle nach der Operation zeigt weiterhin hormonaktives Tumorgewebe an.
- Nach erfolgreicher Operation bildet sich erneut Tumorgewebe (Tumorrezidiv), das durch ansteigende Laborwerte symptomatisch wird und/oder auf kernspintomographischen (MRT) Bildern zu sehen ist.
In ausgewählten Fällen ist die Bestrahlung bereits bei der Erstdiagnose des Tumors die einzig mögliche Behandlungsform.
Wie wird die Bestrahlung durchgeführt?
Bei allen im Folgenden beschriebenen Verfahren ist es erforderlich, vor der eigentlichen Behandlung die gesamte Bestrahlung mit Hilfe von speziellen Rechenprogrammen an einem Computerbildschirm zu simulieren. Grundlage dieser Simulation sind hochauflösende Bilder des Gehirns, wie sie heute im Regelfall mit Hilfe der Kernspintomographie (MRT) oder gelegentlich mit modernen Computertomographen (CT) erstellt werden.
Konventionelle fraktionierte Bestrahlung: Strahlenquelle ist in der Regel ein Linearbeschleuniger. Dieses Bestrahlungsgerät stellt die energiereiche Strahlung (Photonenstrahlung) künstlich her. Die Strahldosis wird nicht auf einmal gegeben, sondern jeweils an fünf Tagen in der Woche als kleine Teildosis (fraktioniert) appliziert. Dabei wird aus einigen wenigen Richtungen auf den Tumor eingestrahlt. Die gesamte Behandlung erstreckt sich im Regelfall über 4-5 Wochen. Zur besseren Positionierung des Patientenkopfes während der Bestrahlung wird individuell eine Kopfmaske angefertigt, die dann jeden Tag für die Behandlung angelegt wird.
Radiochirurgie: Diese Bestrahlung kann entweder mit einem Linearbeschleuniger (LINAC-Radiochirurgie) oder mit einem Gamma Knife ® (Gamma Knife ® Radiochirurgie) durchgeführt werden. Im Gegensatz zum Linearbeschleuniger wird aus dem Gamma Knife ® die Photonenstrahlung aus eine natürlichen Strahlenquelle (Cobalt-60) abgegeben. Das sogenannte CyberKnife ® ist eine spezielle radiochirurgische Bestrahlungseinheit, bei der ein kleiner Linearbeschleuniger mit Hilfe eines Roboters um den Patienten herum bewegt wird. Gleichzeitig wird die Lage des Patienten durch eine Röntgeneinheit kontrolliert und bei Bedarf mit Hilfe des Bestrahlungstischs korrigiert.
Bei der Radiochirurgie wird die Strahlung extrem gebündelt (fokussiert) und trifft aus einer Vielzahl unterschiedlicher Richtungen kommend mit höchster Präzision immer zielgenau den gleichen vorgegebenen Punkt. Dadurch kann die gesamte Strahldosis während einer einzigen Behandlung gegeben werden (Einzeitbestrahlung). Für diese Form der Präzisionsbestrahlung ist es extrem wichtig, dass sich der Kopf des Patienten während der gesamten Behandlung immer an der gleichen Stelle befindet. Deshalb wird entweder für einige Stunden der Kopf über Haltestifte fest in einem Metallring (in einem stereotaktischen Rahmen) fixiert (LINAC, Gamma Knife ® ) oder bei Maskenfixierung die Lage des Patienten während der Behandlung kontrolliert und falls erforderlich korrigiert (moderne LINAC-basierte Systeme bzw. CyberKnife ® ). Systeme mit Lagekontrolle bzw.. -korrektur erlauben auch eine radiochirurgisch-fraktionierte Bestrahlung (max. 5 Einzelfraktionen). Im Gamma Knife ® wird bei fraktionierter Radiochirurgie die erneute Positionierung des Patienten über ein individuell angefertigtes Mundstück kontrolliert.
Ein weiterer Unterschied zur konventionellen Bestrahlung ergibt sich aus der Art der Bestrahlungsplanung. Für die Simulation radiochirurgischer Behandlungen müssen MRT- oder CT- Bilder zur Verfügung stehen, die zuvor in einem dreidimensionalen (stereotaktischen) Koordinatensystem kalibriert wurden, das sich auf den stereotaktischen Rahmen oder die Bestrahlungseinheit insgesamt bezieht.
Stereotaktisch fraktionierte Bestrahlung: Die Behandlung erfolgt wie bei der konventionellen Bestrahlung mit Hilfe eines Linearbeschleunigers. Auch wird die Strahldosis fraktioniert über mehrere Wochen gegeben. Die Behandlungsplanung erfolgt aber mit MRT- oder CT-Bildern erfolgt, die wie bei der Radiochirurgie in ein stereotaktisches Koordinatensystem einkalibriert wurden. Auch die Bestrahlung selbst ist vergleichsweise aufwändiger (höhere Präzision und größere Zahl von Einstrahlrichtungen) als mit konventioneller Technik. Der Kopf des Patienten wird im Regelfall mit Hilfe einer Maske fixiert.
Der Begriff „Schwerionentherapie“ oder „Protonenbestrahlung“ bezeichnet eine Strahlentherapie mit einer besonderen Strahlenart. Im Unterschied zu einem Photonenstrahl (LINAC oder Gamma Knife ® ) haben diese Strahlen ein charakteristisches Energiemaximum, das zur punktgenauen Bestrahlung genutzt wird. Die Bestrahlung mit Schwerionen ist methodisch aufwändig und wird nur in wenigen Zentren weltweit angeboten. Ob bei Hypophysenadenomen die Ergebnisse im Vergleich zu den anderen, klassischen Bestrahlungstechniken besser sind, ist bisher nicht belegt.
Wann kommt welches Verfahren zum Einsatz?
Konventionelle fraktionierte Bestrahlung: Im Regelfall dann, wenn eine großvolumige bzw. großflächige Bestrahlung erforderlich ist. Diese Situation ist meistens gegeben, wenn ein Tumor aufgrund seiner Größe und/oder seiner Ausdehnung nicht für die Radiochirurgie geeignet ist (s.u.) und/oder sich nicht eindeutig auf MRT-Bildern abgrenzen lässt.
Radiochirurgie: Geeignet für kleinere Tumoren (max. Durchmesser 3.5 – 4.0 cm), die sich auf MRT-Bildern gut abgrenzen lassen. Diese Tumoren dürfen keinen direkten Kontakt zu den Sehnerven oder der Sehnervenkreuzung haben. Auch sollten an den Tumor angrenzende Hirnareale wie Schläfenlappen oder Hirnstamm nicht wesentlich durch den Tumor verlagert werden.
Stereotaktisch fraktionierte Bestrahlung: Diese Bestrahlung wird in einigen Zentren bei Hypophysenadenomen bevorzugt anstelle der konventionellen Bestrahlung durchgeführt. Die Indikationsstellung ist ähnlich. Häufig handelt es sich um Tumoren, die bereits in Richtung Sehnerv oder Sehnervenkreuzung gewachsen sind und bei denen durch die stereotaktische Planung und Bestrahlung diese Strukturen weniger belastet werden.
Was kann die Patientin/der Patient von der Behandlung erwarten?
Tumorwachstum: Ein lang anhaltender Wachstumsstop des Tumors (sogenannte „lokale Tumorkontrolle“) wird unabhängig von der Bestrahlungstechnik bezogen auf einen 10-Jahreszeitraum bei über 90% der Patienten erreicht.
Reduktion der krankhaft erhöhten Hormonproduktion: Darunter versteht man die Normalisierung sowohl von Wachstumshormon (STH, auch GH für growth hormone) als auch „insulin-like-growth-factor-I“ (IGF-I) ohne dass die Patienten Medikamente zur Reduktion des Hormonüberschusses einnehmen.
Bezogen auf die seit 2003 dazu veröffentlichten wissenschaftlichen Daten wird durch Radiochirurgie im Durchschnitt bei der Hälfte der Patienten eine Normalisierung innerhalb von etwa 4 Jahren erreicht. Nach konventionell fraktionierter Bestrahlung beträgt die durchschnittliche Normalisierungsrate ebenfalls 50%. Dieser Effekt wird aber deutlich später als nach Radiochirurgie d. h. erst nach durchschnittlich 7-10 Jahren dokumentiert.
Nebenwirkungen:
- Risiko für eine Schädigung des Sehnerven oder der Sehnervenkreuzung (Folge: Einschränkung des Gesichtsfeldes oder Erblindung): nach konventioneller Strahlentherapie: 3-4%, nach Radiochirurgie: < 1%
- Risiko für die Schädigung eines Hirnnerven, der Bewegungen des Auges vermittelt: nach konventioneller Strahlentherapie: 0%, nach Radiochirurgie 0-7%
- Risiko für eine Verletzung gesunden Hirngewebes: nach konventioneller Strahlentherapie: etwa 0.2%, nach Radiochirurgie: etwa 0.8%
- Risiko für eine Schädigung der normalen Hypophysenfunktion: nach konventioneller Strahlentherapie: 11-37%; nach Radiochirurgie: 16-22%
- Weiterhin ist nach konventioneller Bestrahlung das Risiko für die Entstehung anderer Tumoren im Bereich des Kopfes/Gehirns gegenüber einer Person, die nicht bestrahlt wurde deutlich erhöht. Für die Radiochirurgie sind bisher keine höheren Tumorneubildungsraten berichtet.
Können die Behandlungen wiederholt oder die verschiedenen Verfahren miteinander kombiniert werden?
Eine Wiederholung der fraktionierten Bestrahlung ist im Allgemeinen nicht möglich. Davon abweichend gibt es Einzelfallentscheidungen.
Die radiochirurgische Behandlung kann im Einzelfall mit erhöhtem Risiko für Nebenwirkungen wiederholt eingesetzt werden. Eine Kombination von fraktionierter Bestrahlung mit Radiochirurgie ist möglich.